Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv in der Bibel

Der Gothaer Tafelaltar aus dem 16. Jh.

Auf dem Gothaer Tafelalter, einem Gemälde-Zyklus, der um 1540 im württembergischen Herrenberg in der Werkstatt Heinrich Füllmaurers (1500-1548) entstanden ist, werden auf 157 mit Öl auf Nadelholz gemalten Tafeln Inhalte des Neuen Testaments ins Bild gesetzt. (Der Name des Altars steht im Zusammenhang mit seinem derzeitigen Aufstellungsort im Herzoglichen Museum in Gotha.)

 

Um den feststehenden Mittelteil des Altars, der die Kreuzigung Christis zeigt, sind auf 12 klappbaren Seitenflügeln (paarweise rechts und links um das Mittelbild angeordnet) zahlreiche in den vier Evangelien beschriebene Szenen dargestellt; unter diesen finden sich manche Wunderheilungen, die Christus während seines irdischen Daseins vor den Augen seiner Mitmenschen vollbracht hat. Bei der speziellen Suche nach der Heilung des ‚mondsüchtigen‘, epilepsiekranken Knaben wird der Suchende nicht enttäuscht: Auf Tafel 87 (3. Bild in der 2. Reihe), die sich nach Öffnung von acht (2x4) Außenflügeln auf der dritten Gesamtansicht findet, entdeckt er die gesuchte Szene, die in den Evangelien der drei Synoptiker ausführlich beschrieben ist. (Auf dem Text-Medaillon, das im oberen Teil der Tafel an der Schrift-Kartusche hängt, sind die entsprechenden Bibelstellen angegeben: bei Matthäus im 17., bei Markus und Lukas jeweils im 9. Kapitel.)

Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv in der Bibel

Der Gothaer Tafelaltar aus dem 16. Jh.

Das Tafelbild (entnommen dem Ausstellungskatalog von Timo Trümper von 2017) zeigt Christus barfüßig in der Bildmitte, wie er sich mit einer leichten Beugung einer auf dem Boden liegenden Person zuwendet. Er ist mit einem roten Umhang bekleidet, darunter wird ein anthrazitfarbener Kleiderstoff sichtbar. Die rechte Hand Christi ist mit einer segnenden Gebärde auf die liegende Person gerichtet, während seine linke Hand die ausgestreckte rechte Hand des Gefallenen umfasst. (Siehe Details der Darstellung auf der nächstfolgenden Seite!) Wie auf allen Bildern des Zyklus ist Christus mit rot-braunem Haupthaar und kurzem Bart dargestellt. Christi Augen sind fest auf das Gesicht des am Boden liegenden Kranken gerichtet. Dessen Augen scheinen geschlossen zu sein, der linke Arm liegt seitlich dem Körper an, die linke Hand zeigt eine angedeutete ‚Krallenstellung‘. Die Beine sind in den Kniegelenken leicht angebeugt, die beschuhten Füße weisen in rechtem Winkel nach oben. Das Alter des Liegenden ist nicht exakt bestimmbar; im Gegensatz zu den umstehenden Männern trägt er nur einen angedeuteten Bart, was daraufhin weisen mag, dass der ‚Mondsüchtige‘ noch jüngeren Alters ist. Christus gegenüber, auf der linken Seite des Liegenden, steht eine Person in dunkelgrüner Gewandung, die als einzige von allen Umstehenden die Hände gefaltet hat und direkt zu Christus blickt – ganz offensichtlich der bittende Vater des Kranken.

Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv in der Bibel

Der Gothaer Tafelaltar aus dem 16. Jh.

Wenn man die die Darstellung des Liegenden ‚epileptologisch‘ deuten will, so hat man den Eindruck, dass das eigentliche Anfallsgeschehen gerade beendet ist und die Aufrichtung des Kranken, dessen Oberkörper bereits leicht angehoben ist, kurz bevorsteht. Die ‚Verkrampfung‘ scheint – bis auf die noch leichte Verkrümmung der linken Hand – abgeklungen zu sein. Für das Ende des Anfalls spricht auch die Darstellung eines kleinen geflügelten dunklen Wesens, das dem Mund des Anfallskranken entweicht: der Krankheitsdämon, ausgetrieben durch den strengen Befehl Christi.

 

Offensichtlich hat sich hier der Künstler in erster Linie an den Text im Markus-Evangelium gehalten (in der deutschen Luther-Übersetzung): „Jesus bedrohte den unreinen Geist und sprach zu ihm….: ‚Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!‘ Da schrie er und riss ihn sehr hin und her und fuhr aus. … Jesus ergriff (den Knaben) bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.“

 

Hinter der vorderen Dreier-Gruppe (Christus, Vater, Kranker) sieht man noch 8-9 weitere Personen, die aufmerksam, vielleicht auch etwas zweifelnd, die Szene betrachten. Bei ihnen handelt es sich wohl um Apostel und um Angehörige des Kranken.

 

Die links sichtbare Nebenszene nimmt Bezug auf eine ebenfalls bei den drei Evangelisten geschilderte Episode, die sich zeitlich vor der Heilungsszene abspielt:   Der Vater des Kranken (erkennbar an der dunkelgrünen Kleidung sowie an der Bart- und Haartracht) kommt zu den Aposteln und bittet um Hilfe für seinen ‚mondsüchtigen‘ (epilepsiekranken) Sohn. Dieser steht rechts neben ihm, erkennbar an der rötlich-braunen Kleidung (s. Hauptszene) und – tatsächlich ein nur kleines, aber typisches Detail – an den Kopf-Haaren, die vom Künstler als ungeordnete, nahezu gesträubte Frisur wiedergegeben werden (ein in der bildenden Kunst der damaligen Zeit häufig eingesetztes Stilmittel, um Menschen, die von bösen Geistern ergriffen sind, kenntlich zu machen; auch in der Hauptszene sind die Haare des Sohnes so dargestellt).

Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv in der Bibel

Der Gothaer Tafelaltar aus dem 16. Jh.

In dieser Nebenszene wendet sich der Vater aber an ‚die falsche Adresse‘: Eigentlich möchte er zu Christus, von dessen Wunderheilungen er gehört hatte. Da dieser aber im Augenblick nicht bei dieser Apostelgruppe sondern auf dem Berg Tabor in seiner Verklärung weilt, wendet sich der Vater notgedrungen an die zurückgebliebenen Apostel, die aber keine Hilfe geben können. Diese nähert sich aber bereits im Hintergrund in der Person Christi, die vom Berg Tabor zurückkehrend auf die Gruppe zukommt. (Die Verklärungsszene, die inhaltlich und auch theologisch im engen Zusammenhang mit der Heilung des ‚mondsüchtigen‘ Knaben zu sehen ist [s. das Thema ‚Transfiguration‘ in dieser Kunstreihe], ist auf der vorausgehenden Tafel Nr. 86 dieses bildreichsten Kunstwerkes der Reformations- zeit zu sehen.)

 

Die Textkartusche im oberen Drittel der Tafel Nr. 87 gibt auf der Grundlage der Luther-Übersetzung den biblischen Sachverhalt wieder.