Berühmte Epilepsiekranke als Kunstmotiv

Marie „Blanche“ Wittman

Hôpital de la Salpêtrière in Paris, 18. Jh.

Frankreichs angesehenster Neurologe in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, Jean-Martin Charcot (1825-1893), war nicht zuletzt durch seine legendären ‚Leçons du mardi‘ am Hôpital de la Salpêtrière in Paris bekannt geworden. In diesen ‚Dienstag-Vorlesungen‘, die nicht nur von Studenten sondern auch von zahlreichen, z.T. bereits renommierten Kollegen besucht wurden (auch Sigmund Freud gehörte zeitweise zu den faszinierten Zuhörern), demonstrierte Charcot häufig Patienten mit eindrücklichen Krankheitssymptomen. Sein in den 80er Jahren des 19. Jh.‘s berühmtestes ‚Demonstrationsobjekt‘ war Marie ‚Blanche‘ Wittman (1859-1913). Das junge Mädchen war  mit 18 Jahren erstmals in die ‚Salpêtrière‘ mit der Diagnose ‚Epilepsie‘ eingewiesen worden. Mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachte ‚La Blanche‘ in dem renommierten Hôpital, teils als Patientin, teils als Assistentin im klinischen Labor. Berühmt wurde sie dadurch, dass ihr behandelnder Arzt, eben Jean-Martin Charcot, sie häufig, zeitweise wöchentlich, in seinen ‚Leçons‘ vorstellte und an ihr Krankheitssymptome demonstrierte, die die Patientin quasi auf Befehl Charcots bzw. unter seinen hypnotischen Maßnahmen produzieren konnte – so z. B. auch eine Symptomatik, die an  epileptische Anfälle denken ließ. Bald wurde Marie Wittman die „Königin der Hysterie“ genannt.

Berühmte Epilepsiekranke als Kunstmotiv

Marie „Blanche“ Wittman

P. A. A. Brouillet: Leçon du mardi (1887)

Ein Gemälde von Pierre Aristide André Brouillet hat eine solche ‚Dienstag-Szenerie‘ gewissermaßen unsterblich gemacht: Dargestellt ist der dozierende J.-M.Charcot, den Blick zu seinem Auditorium gewandt, zu seiner Linken steht sein berühmter Schüler und Mitarbeiter Joseph Babinski (Babinski-Reflex!), der die benommene Marie Wittman von hinten umfasst, um so ihren drohenden Sturz zu verhindern. Der Kopf der Patientin ist nach hinten überstreckt, die Augen sind geschlossen, die linke Hand ist zur Faust verkrampft.

Berühmte Epilepsiekranke als Kunstmotiv

Marie „Blanche“ Wittman

Leçon du mardi, Ausschnitt: ‚La Blanche‘

Ganz offensichtlich handelt es sich hier aber nicht um ein epileptisches Geschehen sondern um einen von Charcot bewusst herbeigeführten dissoziativen (‚hysterischen‘) Ablauf. Während der drohende Sturz und die verkrampfte linke Hand der Patientin bei oberflächlicher Betrachtung an ein epileptisches Geschehen denken lassen, sprechen die entspannten Gesichtszüge, die geschlossenen Augen, die theatralisch anmutende Überstreckung von Körper und Nacken deutlich dagegen! Es ist davon auszugehen, dass Charcot selbst, zu dessen Spezialgebieten nicht zuletzt die Hysterie zählte, auch hier keinen Zweifel an einem dissoziativen (‚pseudo-epileptischen‘) Geschehen bei ‚La Blanche‘ hatte.

Berühmte Epilepsiekranke als Kunstmotiv

Marie „Blanche“ Wittman

Leçon du mardi: Teilnehmer

Das etwa 290x430 cm große Bild Brouillets ist nicht nur durch die Präsentation der berühmten  ‚Königin der Hysterie‘ mit ihrer eindrücklichen Symptomen bemerkenswert, sondern auch durch die portrait-genaue Wiedergabe der ‚Crème‘ der vorwiegend neurologisch tätigen französischen Ärzteschaft der damaligen Zeit. Neben Charcot und Babinski sind u.a. G. Gilles de la Tourette, D.-M. Bourneville und P.  Marie zu sehen – alle drei bis heute Namensgeber wichtiger neurologische Krankheitsbilder; außerdem Ch. Féré, der in den 90er Jahren wichtige Arbeiten (darunter ein bekanntes Lehrbuch) zur Epilepsie geschrieben hat, und R. Vigouroux, der viele hysterische Patienten mit seiner ‚Elektro- und Metallotherapie' zu behandeln versuchte (die Gerätschaften auf dem Beistelltisch rechts neben Charcot zeigen Vigouroux‘ Utensilien für solche Behandlungsmaßnahmen). Schließlich ist unter den Zuhörern auch Charcots Sohn, J.-B. Charcot zu entdecken.