Berühmte Epilepsiekranke als Kunstmotiv Betroffene Kinder

Johanna von Österreich mit ihrem epilepsiekranken Sohn Filippo

Giovanni Bizzelli, 1586 (Uffizien, Florenz)

Prominente, jedoch schon im Kindesalter verstorbene epilepsiekranke Kinder sind als Kunstmotiv selten. Insbesondere zwei Gründe dürften dafür ausschlaggebend sein: Zum einen war der Bekanntheitsgrad dieser Kinder zu ihren Lebzeiten beschränkt, zum anderen wollten es die betroffenen Familien wohl vermeiden, ihre kranken Kinder zu einem ‚Schau-Objekt‘ zu machen. Dennoch kann man bei der Suche nach berühmten Epilepsiekranken in der bildenden Kunst gelegentlich auch auf betroffene Kinder stoßen, die das Erwachsenen- alter nicht erreicht haben.

Berühmte Epilepsiekranke als Kunstmotiv Betroffene Kinder

Filippo Cosimo de’ Medici

(Ausschnitt)

Gemäß dem Motto „Tu felix Austria nube!“ wurde die Tochter Kaiser Ferdinand I., Erzherzogin Johanna von Österreich (1547-1578), mit dem späteren Großherzog Franz I. von Toskana aus dem Hause Medici verheiratet. Eine menschlich sehr unglückliche Verbindung. Nach sechs Töchtern brachte Johanna 1577 den lang ersehnten männlichen Erben zur Welt, Filippo Cosimo de‘ Medici, gen. Don Filippino. Er war der Spross einer bemerkenswerten Ahnenreihe: Sein Großvater (Ferdinand I.) und sein Ur-Ur-Großvater (Maximilian I.) waren Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sein Ur-Großvater (Philipp I.) König von Kastilien.

Don Filippino war von Geburt an kränklich. Immer wieder kam es zu epileptischen Anfällen; er verstarb bereits im Alter von knapp 5 Jahren. Offensichtlich wurde post-mortal eine Schädelöffnung durchgeführt, bei der im Gehirn ‚reichlich Wasser‘ gefunden wurde. 2004 (!) wurden die sterblichen Überreste des Kindes erneut autopsiert – die Diagnose eines mäßigen Hydrocephalus wurde dabei bestätigt. Es ist denkbar, dass bei Filippo eine frühkindliche Hirnschädigung vorlag, die mit einer symptomatischen Epilepsie einherging.

In den Uffizien in Florenz findet sich ein Gemälde (Nr. 2242) von Giovanni Bizzelli (1556-1612), das Johanna von Österreich und ihren Sohn Filippo zeigt. Das Bild wurde posthum angefertigt (1586) – zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung war das Kind bereits vier, die Mutter gar schon acht Jahre tot.

Das Bild stellt einen auffallend ernsten Jungen dar, der sich mit beiden Armen an der rechten Hand der ebenfalls sehr ernst blickenden Mutter festhält. Der melancholisch-nachdenkliche Gesichtsausdruck des Kindes lässt die Vermutung zu, dass der Künstler die Ahnung anklingen lassen wollte, die der Junge bezgl. seiner Krankheit, seines unglücklichen Schicksals und seines frühen Todes in sich trug.

Berühmte Epilepsiekranke als Kunstmotiv Betroffene Kinder

Maria Anna Karolina von Österreich

Joseph Kriehuber (Lithographie, 1837)

Nachdem der psychisch auffällige und epilepsiekranke Ferdinand I. von Österreich als Kaiser zurückgetreten war (1848) und Erzherzog Franz Karl auf den Thron verzichtet hatte, wurde dessen Sohn, Franz Joseph, Kaiser von Österreich. Diese Thronbesteigung hat Maria Anna Karolina von Österreich, die fünf Jahre jüngere Schwester des neuen Kaisers, nicht mehr miterlebt – sie war schon 13 Jahre zuvor im Alter von vier Jahren verstorben.

Die kleine Maria Anna Karolina, vom ganzen Hofstaat nur ‚Ännchen‘ genannt, hatte zunächst eine ganz unauffällige, sehr erfreuliche Entwicklung durchlaufen, bevor sie im Alter von zwei Jahren an hohem Fieber mit begleitenden epileptischen Anfällen erkrankte. Von den Ärzten wurde die Diagnose ‚Zahnkrämpfe‘ gestellt. Tatsächlich sistierten die Anfälle bald und die Entwicklung des Mädchens schien weiterhin unauffällig zu verlaufen – bis es dann im Alter von vier Jahren erneut zu Fieberschüben, ‚Krämpfen‘ und schließlich im Dezember 1835 während einer Serie schwerer epileptischer Anfälle zum Tod kam.

Von der kleinen Erzherzogin sind kaum Bilder bekannt. Die Lithographie des berühmten Joseph Kriehuber (1800-1876, nicht zuletzt bekannt durch seine Schubert- und Schumann-Porträts) aus dem Jahre 1837 zeigt ein hübsches, freundliches, völlig altersentsprechendes Mädchen – kein Wunder, dass dieses Kind der Liebling des ganzen Kaiserhofs war! Die Ursache der epileptischen Anfälle ist nicht bekannt. Immerhin kann von einer genetischen Belastung ausgegangen werden: Sowohl der Onkel des Mädchens (Kaiser Ferdinand I. von Österreich) als auch zwei Groß-Onkel (die Erzherzöge Karl und Rudolph von Österreich) hatten an rezidivierenden epileptischen Anfällen gelitten. Möglicherweise kam es auf dem Boden dieser familiären Anfalls-Bereitschaft bei Ännchen zu komplizierten Fieberkrämpfen, die schließlich in einen zur damaligen Zeit unbeeinflussbaren status epilepticus (‚Dauer-Anfall‘) mit tödlichem Ausgang mündeten.

Die lithographische Darstellung von Kriehuber, der für seine realistischen Porträts bekannt war, zeigt bei dem sitzend dargestellten Mädchen keinerlei Hinweise auf irgendwelche körperliche Auffälligkeiten oder gesundheitliche Störungen.

Berühmte Epilepsiekranke als Kunstmotiv Betroffene Kinder

John Charles Francis von Großbritannien und Irland

Vera Temple, 1909 (National Portrait Gallery, London)

John Charles Francis von Großbritannien und Irland, jüngster Sohn des späteren Königs Georg V. und Onkel der jetzigen Queen Elisabeth II.,  wurde 1905 geboren und war von Beginn an gesundheitlich ein Sorgenkind: Zu seinen psychischen Auffälligkeiten (u.a. wurde von Autismus gesprochen) und Entwicklungsverzögerungen gesellten sich ab dem 4. Lebensjahr epileptische Anfälle, die in unterschiedlicher Häufigkeit und Intensität immer wieder den Alltag des jungen Prinzen beeinflussten. Auf Grund dieser Besonderheiten lebte John ab 1917 abgesondert von seiner Familie auf einer Farm, die zum königlichen Gut Sandringham gehört. Dort starb er 13-jährig im Januar 1919 unmittelbar nach einem schweren epileptischen Anfall.

Von Prince John gibt es kaum künstlerische Darstellungen – nicht zuletzt Folge der konsequenten Abschirmung des Jungen vor der Öffentlichkeit. 

Nach John’s Tod sind lediglich einige Fotos bekannt geworden, die ihn meist in Gesellschaft mit seinen Geschwistern zeigen. In der National Portrait Gallery in London findet sich allerdings ein Aquarell, das den kleinen John im Alter von etwa 4 Jahren zeigt (NPG 5144). Es stammt von der Malerin (und Entomologin) Vera Temple, der eine Fotografie des Kindes als Vorlage diente (‚watercolour over photograph on card 1909‘). Das Bild zeigt einen anmutig gekleideten und bemützten Jungen, in der einen Hand einen Stock, in der anderen Blumen haltend. Die in zarten Farben wiedergegebene Umgebung zeigt Wiesen, Bäume, Blumen. Fast könnte man meinen, die Künstlerin schuf hier einen bewussten Gegensatz zwischen dem stimmungsvollen, sympathischen Bild und dem traurigen, nicht zuletzt durch eine schwere Epilepsie bestimmten Lebensschicksal des ‚lost Prince‘.