Das Epilepsiemotiv in der schön-geistigen Literatur

Abb. aus: Bartholomäus, der Engländer (um 1190 - 1250): Buch der Eigenschaften der Dinge (frz. Ausgabe aus dem 14. Jh.)

 

Die Beschreibung und Ausdeutung von Leid in Form von Schmerz, Krankheit und Behinderung spielen in der schön-geistigen Literatur zahlreicher kultur-historischer Epochen eine bedeutende Rolle. Dieser Aspekt menschlichen Seins wird von den einzelnen Autoren meist in sehr unterschiedlicher Weise  eingesetzt – sei es als richtungsweisender Faktor in einem Handlungsgefüge, als Metapher oder auch als kathartisches Moment. „Das Leiden macht den Menschen hellsichtig und die Welt durchsichtig.“ Diese Sinngebung, die der Psychiater und Psychotherapeut Victor Emil Frankl im letzten Jahrhundert so formuliert hat, mag für manche Dichter und Schriftsteller bewusste oder unbewusste Motivation für die Verwendung des Leidgedankens in ihren Werken sein.

Es ist erstaunlich, wie häufig gerade die chronische Krankheit Epilepsie ihren Niederschlag in den Werken der Dichter und Schriftsteller findet.

Mehrere Gründe sind wohl für diese überraschend häufige Präsenz des Epilepsiethemas ausschlaggebend: Zum einen die Prävalenz (Häufigkeit) dieser Krankheit (sie beträgt heute weltweit etwa 0,5-1 % und war in früheren Jahrhunderten sicherlich nicht geringer), zum andern die beeindruckende Symptomatik des Prototyps epileptischen Geschehens, des großen Anfalls (Grand mal). Des weiteren ist festzuhalten, dass in früheren Jahrhunderten für diese gefürchtete Krankheit keinerlei wirksame Heilmethoden zur Verfügung standen, die Menschen der Krankheit also hilflos gegenüberstanden. Hinzu kommt schließlich, dass diese schwere unerklärliche Krankheit zu allen Zeiten bzgl. ihrer Ursache und ihres Erscheinungsbildes immer wieder mit höheren Mächten in Verbindung gebracht wurde (s. den Navigationspunkt ‚Das Epilepsiemotiv in der sakralen Kunst’). Dass ein solches beeindruckendes Leid, wie andere schwerwiegende Krankheiten auch (z. B. Pest, Krebserkrankungen, Tuberkulose), Eingang in die literarischen Äußerungen der Zeit fanden, liegt nahe.