Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv auf Votivtafeln und Mirakelbildern

Altötting I

Besucht man Wallfahrtsorte, die eine größere Sammlung von Votiv-Bildern besitzen, so wird man unter den vielen Darstellungen fast regelmäßig auch das Epilepsiemotiv finden. Auf den Außen- und Innenwänden der Gnadenkapelle im bayrischen Altötting sind mehr als 2000 Votiv-Tafeln präsentiert. Insbesondere in dem um 1500 fertiggestellten Kapellenumgang kann man mehreren Bildern begegnen, die das Epilepsiemotiv beinhalten. Dabei sind den größeren Tafeln oft ausführliche Textpassagen beigegeben, die den Inhalt der dargestellten Szenerie erläutern (s.o.: Mirakelbilder).

Votiv-Tafeln und Mirakelbilder finden sich bevorzugt im 17. bis 19. Jahrhundert; vereinzelte Bilder sind auch aus dem 15. Jahrhundert erhalten. Die älteste Votiv-Darstellung im traditionsreichen Wallfahrtsort Altötting stammt aus dem Jahr 1501. Möglicherweise ist es das älteste Bild dieser Art im gesamten deutsch-sprachigen Raum. Aufgrund seiner Besonderheit hängt diese Altöttinger Tafel nicht mehr in der Gnadenkapelle sondern wird im Haus ‚Papst Benedikt XVI.’ aufbewahrt, Schatzkammer und Wallfahrtsmuseum des Pilgerortes. (Die Verantwortlichen des Altöttinger Museums haben uns dankenswerterweise erlaubt, eine fotografische Kopie der Tafel im Epilepsiemuseum Kork und in dieser Kunstfolge zu präsentieren.)

In Altötting wird diese Votiv-Kostbarkeit unter den Votiv-Tafeln geführt, obgleich sowohl der umfangreiche, ausformulierte und grafisch gekonnt gestaltete Text als auch die offensichtlich erfahrene Hand des Künstlers eine Einreihung unter den Mirakelbildern rechtfertigen könnte.

Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv auf Votivtafeln und Mirakelbildern

Altötting I

In der Textpassage, die deutlich mehr als die Hälfte der Tafel einnimmt, wird die Geschichte des dargestellten anfallskranken Mannes erzählt (Der Text wird hier zum besseren Verständnis in einen zeitgemäßen Sprachgebrauch übertragen bzw. mit Erklärungen versehen):

 

Oswalt Dienstl, ein Bürger zu Gmünd, ist vor sechs Jahren in Altötting gewesen mit seinem Sohn (als Begleitung); das hinfallende Siechtum (die Epilepsie) hat sich ein wenig gebessert. Er hat sich vorgenommen, nicht mehr nach Altötting zu kommen (weil eine völlige Heilung ausgeblieben war). Nun ist er in der Woche nach Oculi (3. Fastensonntag in der österlichen Zeit) im Jahr 1501 in (die) große Krankheit (großer epileptischer Anfall) gefallen, sodass er gelegen ist mit offenen Augen, unredend (stumm) bis an den dritten Tag (drei Tage lang) und viel Volk ist zu ihm gegangen, (aber er hat) niemand erkannt noch gesehen und (ist) an seinem Leben gar verzagt, also dass ihn seine Hausfrau (Ehefrau) hierher (nach Altötting) versprochen (ein Gelübde abgelegt) hat mit einem Priester und mit einem wächsernen Haupt* und ist gesund geworden; sag(t) er Lob und Dank der Jungfrau Mari(a) in Ewigkeit. Und (er) ist hier gewesen am Sonntag vor dem Auffertag (Christi Himmelfahrt) im Jahr 1501**.

 

* meist handelte es sich am das sog. Anastasia-Haupt, d. h. eine wächserne Nachbildung des  Kopfes der Hl. Anastasia, die damals als Schutzpatronin bei Kopf-Krankheiten galt (s. Anastasia-Folge unter ‚Epilepsie-Patronate’).

 

** Es war nach einer Wunderheilung für den Votanten verpflichtend, seine Gesundung am Gnadenort  öffentlich zu demonstrieren

Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv auf Votivtafeln und Mirakelbildern

Altötting I

Ohne den begleitenden Text zu dieser Tafel wäre es wohl nicht möglich, bei dem bettlägerigen Kranken die Diagnose ‚Fallsucht’ (Epilepsie) zu stellen. Der Mann liegt mit gestrecktem Rücken im Bett, der Kopf wird mit zwei Kissen unterstützt, der sichtbare Teil seines Körpers ist unbekleidet – möglicherweise Hinweis darauf, dass hier ein chronisches Leiden den Kranken in Armut und in eine sozial randständige Situation bringt. Diese fehlende Bekleidung wird noch besonders auffällig durch die vornehme Kleidung der übrigen drei dargestellten Personen. Auch das komfortable Bett (mit stufenartiger Einstiegshilfe) und der üppige Bettüberwurf deuten auf ein gehobenes soziales Ambiente hin, das zu der offensichtlichen Notlage des Kranken nicht recht passen will.

Dieser hat die Augen geöffnet, der Blick richtet sich in eine unbestimmte Ferne –  möglicherweise nimmt das in Schielstellung stehende linke Auge aber doch die (visionäre?) kleine Figur der von einem Strahlenkranz umgebenen Gottesmutter mit dem Jesuskind wahr, von der allein Hilfe in der Not kommen kann.

Die hier gezeigte Situation des Kranken entspricht möglicherweise der Schilderung im begleitenden Text, wo es heißt: „ .... dass er gelegen ist mit offen Augen, unredend (stumm) ... und niemand erkennt noch gesehen.“ Aus epileptologischem Blickwinkel könnten Text und Bild für das Vorliegen eines Status epilepticus sprechen, also eines ungewöhnlich lang anhaltenden Anfallsgeschehens („ .... pis an de dritte Tag...").

Die Tatsache, dass eine der ersten (oder gar die erste der deutschsprachigen) Votiv-Tafeln das ‚hinfallende Siechtum’ (die Epilepsie) zum Thema hat, weist einmal mehr auf die unheilvolle  Bedeutung hin, die gerade dieser Krankheit in früheren Jahrhunderten zugekommen ist – bis hin zu der sozialen Not, die sie bei dem Betroffenen selbst und bei seiner unmittelbaren personellen Umgebung hervorgerufen hat.

 

Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv auf Votivtafeln und Mirakelbildern

Altötting II

In der Textpassage eines eindrücklichen Altöttinger Mirakelbildes wird die Geschichte der Ehefrau des Bürgers Jörgen Schneider so geschildert:

 

„Jörgen Schneiders Hausfrau ... hat vier Jahr den hinfallenden siech- tagen (Epilepsie) gehabt; sie wurde  von irem  hauswiert (Ehemann) hier-

her gen alten ödting verlübt (mit einem Gelübde nach Altötting gebracht) – mit einem halben pfundt wags (Wachs), das sie ihr baider lebenlang (künftig regelmäßig) herbringen sollten. Nach solchem gelüb ist sie genedigklich (gnädiglich) gesundt und (vom hinfallenden siechtag) erledigt (befreit) worden.“ (Der Text wurde an manchen Stellen dem heutigen Sprachgebrauch angeglichen und mit einigen ‚Übersetzungshilfen’ versehen.)

 

Das mit kräftigen Farben auf eine Holztafel gemalte Bild zeigt die im Anfall hingestürzte Frau (der eigentliche Anfall ist wohl schon vorüber), das Gesicht ist zum Boden gewendet, Arme und Finger sind gestreckt, die Beine in den Knien leicht flektiert. Neben ihr kniet ihr vornehm gekleideter ‚hauswiert’, die Hände zum Gebet gefaltet. Sein Gesichtsausdruck lässt Hilflosigkeit und Resignation erkennen – Hinweis darauf, dass dieser Anfall keineswegs der erste ist, und dass bisherige Behandlungsversuche vergeblich waren.

Das durchaus stattliche Haus mit offener Tür ist wohl das Wohnhaus des Paares; im Hintergrund erkennt man ein Kirchlein.

 

Das Epilepsiemotiv in der christlichen Kunst

Das Epilepsiemotiv auf Votivtafeln und Mirakelbildern

Altötting III

Im Altöttinger Kapellenumgang findet sich eine weitere, von ausführlichem Text begleitete Tafel (entstanden um 1500), auf der in Wort und Bild die Geschichte eines gewissen Hanns Locher aus Hochu (Hochen?) erzählt wird.

Dieser Schankwirt habe sehr unziemlich über die Wunderheilungen, von denen seine Gäste aus Altötting (Altenöding) berichtet hatten, gespottet. Deshalb sei er „fir tod hingefallen vor den gesten (und) wurde an paiden augen erplind und (sei) also auf drei stund näsling (auf der Nase) gelegen“.

Ein solcher Vorfall habe sich nach erneuter Missachtung der göttlichen Macht wiederholt. Erst nach Anerkennung der von Gott und Maria gewirkten Zeichen sei der Mann wieder gesund (und sehend) geworden.

Auf diesem Altöttinger Votiv-Bild (Mirakelbild) sitzen drei Männer in einer der Zeit um 1500 entsprechenden Kleidung an einem Wirtshaustisch. (Auch das hübsche Butzenglas-Fenster im Hintergrund ist zeittypisch.) Der rechts sitzende Mann weist mit seinem linken Zeigefinger auf den am Boden liegenden grün-gewandeten und mit einer braunen Kopfbedeckung versehenen Wirt (der Schlüsselbund in seiner Hand kennzeichnet ihn als den Hausherrn). Die Augen des Liegenden sind geschlossen, seine Hände zusammengeballt, die Beine in unnatürlicher Stellung überkreuzt. Möglicherweise sollen die geschlossenen Augen darauf hinweisen, dass der Gestürzte plötzlich „an paiden augen erplind“ war. Epileptologisch könnte man darüber spekulieren, ob die Erwähnung der Blindheit auf einen primär fokalen Anfall mit sekundärer Generalisierung aus dem Bereich der Occipitalrinde hinweist (iktale bzw. postiktale Blindheit; ‚Paulus-Anfall’ – s. Folge Saulus/Paulus unter ‚Berühmte Epilepsie- kranke als Kunstmotiv’).