Epilepsie und Kunst*

Jeder Krankheit kommt neben dem medizinischen auch ein sozialer Aspekt zu. Dies gilt insbesondere für chronische, also lang-dauernde Krankheiten – wie es in ähnlicher Weise auch für Behinderungen zutrifft.

Die Epilepsie ist eine ausgesprochen chronische Erkrankung; häufig, insbesondere dann, wenn es nicht gelingt, durch medizinische Maßnahmen Anfallsfreiheit zu erzielen, kommt ihr auch der Charakter einer Behinderung zu - was definitionsgemäß bedeutet, dass für den Anfallskranken der Weg in die Ausbildungsinstitutionen, in die berufliche Tätigkeit, in die zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Bezüge bis hin in die Freizeitgestaltung erschwert ist.

Derartige Intergrationsprobleme sind bei der chronischen Epilepsie immer wieder anzutreffen  – besonders dann, wenn die immer wieder auftretenden kennzeichnenden Symptome dieser Krankheit, also die einzelnen epileptischen Anfälle, nicht nur den Kranken selbst sondern auch sein personales Umfeld irritieren, ja erschrecken. Gerade bei ausgestalteten Anfällen, vor allem beim tonisch-klonischen Grand mal, ist diese Irritation, dieses Erschrecken durch das Erlebte beim Beobachter des Geschehens ausgeprägter und eindrücklicher als beim Betroffenen selbst; denn der Anfallskranke nimmt diese ausgestalteten Anfälle in seiner Bewusstlosigkeit (oder zumindest Bewusstseinstrübung) nicht selbst wahr sondern erlebt sie nur – nach dem Ereignis – in den Reaktionen der Anfallszeugen, gewissermaßen wie in einem Spiegel.

Wenn wir uns die Definition der Kunst als eine kreative Äußerung des Menschen, die Zeugnis gibt von seinen Gedanken, Deutungen, Gefühlen und Wünschen, zu eigen machen, so ist es verständlich, dass sich in künstlerischen Erzeugnissen thematisch nicht nur die schönen Seiten des Lebens sondern auch Schattenseiten, Niederlagen und verstörende Grenzerfahrungen widerspiegeln. Solche negativen Momente können gegeben sein durch  Enttäuschung, Unglück, schmerzliche Trauer, Tod  – und eben auch durch Krankheiten, insbesondere durch eine chronische Krankheit. Dass gerade die Epilepsie künstlerisch so auffallend häufig thematisiert wird, mag zum einen daran liegen, dass diese Krankheit zu allen Zeiten tatsächlich häufig war und ist (in der sog. westlichen Welt leidet jeder 100. bis 200. Mensch an ihr!), zum andern daran, dass sich ihre Symptomatik, ihr Erscheinungsbild oftmals dramatisch und überaus eindrücklich darstellt; schließlich mag hinzu kommen, dass sich um die möglichen Ursachen der Epilepsien vor allem in früheren geschichtlichen Epochen immer wieder mystische Vorstellungen, religiöse Anschauungen, abergläubische Denkweisen und abstruse Theorien rankten, die zu allen Zeiten Betroffene und beobachtende Zeugen tief bewegten und verunsicherten. (Ihren endgültigen Platz als eine organisch bedingte, pathophysiologisch erklärbare Krankheit erhielt die Epilepsie erst im 19. Jahrhundert!)

Vor diesem Hintergrund ist es also nicht erstaunlich, dass die Epilepsie als ein bedrückendes, ängstigendes und in manchen geschichtlichen Epochen stigmatisierendes Leiden immer wieder ein Thema "künstlerischer Entäußerung" des Menschen ist – und zwar in unterschiedlichen Kunstbereichen:

  • in der bildenden Kunst (Malerei, Graphik, Plastik),
  • in der schöngeistigen Literatur (Belletristik) oder auch –wenn auch seltener–
  • in der Musik.


Vice versa kann diese Häufigkeit der Präsenz des Epilepsiethemas in der Kunst Hinweis dafür sein, dass dieser Krankheit nicht nur für direkt oder mittelbar Betroffene (z.B. Angehörige, Freunde) sondern auch für beobachtende und deutende Kunstschaffende ein ganz besonderer Stellenwert zukommt – insbesondere für die psycho-soziale Situation des Kranken.

Wenn in der Rubrik "Epilepsie und Kunst" dieser Homepage verschiedene Beispiele für das Epilepsiemotiv in der Kunst aufgezeigt und behutsamgedeutet werden, so wird diese Präsentation von der Hoffnung begleitet, dass das facettenreiche Krankheitsbild der Epilepsie in mancherlei Hinsicht an Klarheit gewinnt, und dass möglicherweise auch positive Momente, die einem Kranksein durchaus innewohnen können, erkennbar werden – etwa im Sinne André Gides, der sagte: "Ich glaube, dass die Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Türen öffnen können."

 

*H. Schneble