Epileptisches Geschehen wird nicht nur in der darstellenden Kunst sondern auch in der erzählenden Literatur auffallend häufig thematisiert. Besonders der ‚große Anfall’, der sog. grand mal, hat immer wieder Dichter und Schriftsteller zu einer literarischen Beschäftigung mit diesem Thema angeregt.
Es ist selbstverständlich, dass bei diesen Schilderungen der Schwer- punkt nicht auf einer detaillierten, medizinisch exakten Symptom-Beschreibung liegen kann – dies ist die Aufgabe von neurologischen Lehrbüchern. Der Anspruch des Dichters und Schriftstellers ist ein ganz anderer: Ihm kommt es auf Hintergründe an, auf die Einwebung eines dramatischen Geschehens in das Handlungsgefüge, auf die Beschreibung und Persönlichkeitsentwicklung einer Erzählfigur sowie auf die Auswirkungen der Krankheit und ihrer Symptome auf den Betroffenen, seine personale Umgebung und seine psycho-soziale Situation – einschließlich der Möglichkeiten einer Krankheits- bewältigung oder auch des Scheiterns in diesen Bemühungen.Im Folgenden sind drei Beispiele von Anfallsbeschreibungen aus drei Jahrhunderten wiedergegeben – Beispiele, die alle von einem ‚Ich-Erzähler’ erlebt und geschildert werden:18. Jahrhundert"Ich tat zehn Schritte in tiefen Gedanken vorwärts, als mir ein tumultarisches Geschrei nachgeflogen kam. Ich horchte auf – mein Herz weissagte mir nichts Gutes ... Ich flog die Straße herab und gerade nach dem Orte zu, woher das Geschrei gekommen war.Ein paar ‚Ach!’, die mir aus ein paar weiblichen Kehlen entgegentönten, machten meine Ahndung zur Gewissheit. Ich drang mich durch den dicken Haufen von Menschen durch, der in der größten Eile zusammengelaufen war, und sahe die arme, bedauerte Kreatur auf der Erde liegen, mit verzogenem Gesichte, Schaum vor dem Munde.Eine so heftige Erschütterung hat meine Seele nie empfunden als bei diesem grauenvollen Anblicke. Ich stürzte mich mit der ungestümsten Hitze auf das Mägdchen los – ich fühlte mich so stark wie ein Riese – ich schloß sie fest in meine Arme und eilte mit ihr nach dem Gasthof ..." (Aus: Johann G. Schummel: Empfindsame Reisen durch Deutschland. Wittenberg und Zerbst, 1771/72)In diesem Beispiel werden nur wenige Anfallssymptome geschildert (Fall, entstelltes Gesicht, Schaum). Der Schwerpunkt der Schilderung liegt – ganz dem Zeitgeist entsprechend – auf der Beschreibung der Betroffenheit des Zeugen, des Empfindens, des Mitleids, des Helfen-Wollens.- Neue Folge: Altötting II
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Johann G. Schummel
18. Jahrhundert
18. Jahrhundert


