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Bibelmotive

Mondsüchtiger Knabe


"Herr, erbarme Dich meines Sohnes, denn er ist mondsüchtig und hat viel zu leiden. Oft fällt er nämlich ins Feuer und oft ins Wasser!"
Mit diesen Worten, die im 17. Kapitel des Matthäus-Evangeliums im Neuen Testament der Bibel zu lesen sind (bei den Evangelisten Markus und Lukas wird diese Szene mit ähnlichen Worten geschildert), bittet ein verzweifelter Vater Jesus Christus um Hilfe für seinen epilepsiekranken ("mondsüchtigen") Sohn. Von dieser dramatischen Situation haben sich manche Künstler in unterschiedlichen kultur-historischen Epochen beeindrucken und zu einer künstlerischen Darstellung und Interpretation inspirieren lassen – so z. B. zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Brüder Limburg (bei der Bebilderung eines Stundenbuchs des Duc de Berry), Raffaelo Santi (Raffael) zu Beginn des 16. Jahrhunderts, Peter Paul Rubens und Déodat Delmont im 17. Jahrhundert und schließlich auch im 20. Jahrhundert Emil Wachter, einer der bedeutendsten christlichen Künstler der Jetzt-Zeit.
In der Miniatur (Folio 166 recto) aus dem Stundenbuch "Les Très Riches Heures" des Johann von Frankreich (Duc de Berry, 1340 – 1416) ist dargestellt, wie Christus mit segnender Gebärde einen bösen Geist austreibt, der einen jungen Mann befallen hatte. Dass dieser Exorzismus tatsächlich erfolgreich war, ist an dem mit Drachenflügeln, Schwanz und Klauen dargestellten Dämon zu sehen, der gerade aus dem Mund des Kranken nach oben entflieht. Ob die Abbildung tatsächlich die Heilung des mondsüchtigen Knaben (s. o.) schildert, ist nicht eindeutig belegt. Die Tatsache aber, dass der Kranke von einer Begleitperson (der verzweifelte Vater?) umfasst wird, dass die Dämonenaustreibung just in einer akuten Krankheitsattacke erfolgt (beim Evangelisten Lukas heißt es bei der Beschreibung des selben Ereignisses im 9. Kapitel: "Aber noch während er herbeikam, riss und zerrte ihn der Dämon hin und her...."), dass der Betroffene im Augenblick des "Anfalls" nicht selbst stehen kann sondern zu stürzen droht und deshalb gehalten werden muss, und schließlich auch die tonisch gestreckten Arme und die Versivstellung der Augäpfel könnten durchaus auf ein epileptisches Geschehen hinweisen.
Dass der junge Mann an einer chronischen Krankheit (oder einer Behinderung) leidet, ist auch an seiner Kleidung zu sehen: Er trägt ein unscheinbares graues Gewand, das an den Ärmeln und im Bereich des rechten Beins zerrissen ist und zudem Löcher aufweist. So haben Künstler in jener Zeit dem Betrachter klar gemacht, dass mit einer solchen Darstellung "ein armer Hund" gemeint ist, und zwar in zweifacher Hinsicht – zum einen ein Mensch, dem es auf Grund seines Gebrechens finanziell-wirtschaftlich schlecht geht (er findet keine bezahlte Arbeit), und zum andern jemand, der am Rand der Gesellschaft lebt (d. h. er wird von seiner personalen Umgebung abgelehnt). Diese "sozial-randständige" Situation des Kranken wird hier noch durch die in prächtigen Farben und in vornehmer Kleidung und Position wiedergegebenen anderen Personen und durch das herrschaftliche Ambiente unterstrichen.
Die gesamte Symptomatik und die Darstellungsweise machen es sehr wahrscheinlich, dass diese meisterhafte Miniatur der Brüder Limburg die bildliche Wiedergabe, eine theologische Deutung und eine künstlerische Sublimierung des eingangs zitierten Textes zum Ziel hat.