Die Liste berühmter Epilepsiekranker ist nicht eben klein – sie reicht von Bileam, dem prophetischen Seher des Alten Testaments (ca. 1250 v. Chr.) über Caesar und den Völkerapostel Paulus (um die Zeitenwende), Kardinal Richelieu (17. Jh.), Napoleon, Dostojewskij und van Gogh (18. bzw. 19. Jh.) bis zu Politikern, Künstlern und bekannten Sportlern unserer Zeit.
Viele der historischen epilepsiekranken Persönlichkeiten wurden zu Lebzeiten oder auch posthum von Künstlern in Gemälden oder Skulpturen festgehalten. Bei der Ausgestaltung dieser Kunstwerke spielte die Epilepsie der dargestellten Person verständlicherweise kaum eine Rolle – entweder, weil die Krankheit dem Künstler nicht bekannt war, oder weil er die prominente Persönlichkeit in ihrer Macht und Bedeutung, aber nicht in ihrer Schwäche zeigen wollte.
Eine der seltenen Ausnahmen stellen besondere Abbildungen des Völkerapostels Paulus dar, der bis zu seiner Bekehrung (er war im ersten nachchristlichen Jahrhundert ein erbitterter Verfolger der Anhänger des aufkommenden Christentums) den Namen Saulus von Tarsus (nach seinem Geburtsort in Kleinasien [Südanatolien]) trug. Thema dieser häufigen Saulus/Paulus-Darstellungen ist das sog. Damaskuserlebnis des Christenverfolgers Saulus, der auf der Reise von Jerusalem nach Damaskus kurz vor seinem Reiseziel zu Boden stürzte und eine Stimme hörte, die ihm zurief: "Saulus, warum verfolgst Du mich?" Saulus konnte sich nach kurzer Zeit wieder selbständig erheben, war aber dann für drei Tage blind – erst durch die Handauflegung des Jüngers Ananias wurde er wieder sehend.
Vieles spricht dafür, dass der Völkerapostel tatsächlich an einer Epilepsie litt; vor allem die Hinweise, die Paulus selbst in seinen zahlreichen Briefen über den "Dorn in seinem Fleisch" gibt, machen die Epilepsie-Diagnose sehr wahrscheinlich. Noch heute spricht man selbst in Fachkreisen von einem "Paulus-Anfall", wenn ein epileptisches Geschehen mit vorübergehender Blindheit oder deutlicher Sehbeeinträchtigung einhergeht. Und in England und Irland führt die Epilepsie bis zum heutigen Tag den volkstümlichen Namen "Saint Paul’s disease"!
Das "Damaskus-Erlebnis" mit Sturz, halluzinatorischem Sinneseindruck und (vorübergehender) Blindheit wird von manchen Epileptologen als Symptom einer fokalen Epilepsie gedeutet, das sich als sekundär generalisierter grand mal mit Ausgangspunkt im Sehzentrum (Hinterhauptslappen des Gehirns) äußert.
Die Künstler stellen den Sturz des Saulus fast ausschließlich als Sturz von einem Pferd dar, obwohl von einem Reittier in der Apostelgeschichte keine Rede ist. Immerhin ist es durch diese Art der Darstellung möglich, die Dramatik des Geschehens noch zu steigern.
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