Neue Auflage: Desitin Bildschirmschoner Kunstsammlung

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Mandala

Einen ganz besonderen Weg, die psycho-soziale Situation eines Epilepsiekranken darzustellen, wählt die junge amerikanische Künstlerin Jessica Merrell. (J. Merrell, Jahrgang 1983, erhielt ihre künstlerische Ausbildung am ‚Art Institute of Boston’ und am ‚Tamarind Institute of Lithography’ in Albuquerque, NM; sie lebt und arbeitet derzeit in Somerville, MA, in der Nähe von Boston.)

  


Mandala von J. Merrell

Für ihre künstlerische Interpretation benützt J. Merrell das Mandala-Motiv. Das Wort ‚Mandala’, das seine etymologische Wurzeln im Sanskrit hat, lässt sich am besten mit ‚Kreis’ übersetzen; es bezeichnet ein kreisförmiges (mitunter auch quadratisches) symbolisches Gebilde mit einem definierten Zentrum. Das Mandala findet in verschiedenen Kulturen, besonders im Hinduismus und Buddhismus, aber auch in indianischen Kulturkreisen, als mystisches Signum, als religiöses Symbol, als Meditationsobjekt Verwendung. In den überaus vielfältigen Mandalas können abstrakte Formen, geometrische Figuren, Schriftzeichen, aber auch ganz konkrete Objekte (Gegenstände, Pflanzen, Tiere, Menschen) zur Darstellung kommen.

Die Künstlerin, selbst von Epilepsie betroffen, wählte (nach ihrer eignen Aussage) diese Ausdrucksform nach ihrer Beschäftigung mit den Theorien C. G. Jungs über das Mandala-Motiv – Mandala als ein Symbol des Heilens, als ein Symbol, in dem sich Bewusstes und Unbewusstes begegnen können. Zitat der Künstlerin: „I felt Jungs theories related to my feelings about having epilepsy and because of this began to work in a circular format. This print is more literal take on these themes, using images of a mans head beeing wraped in gauze....". („Ich fühlte in den Theorien Jungs eine Verwandtschaft zu meinen Gefühlen, die ich hinsichtlich meines eigenen [Epilepsie-] Betroffenseins empfand, und deshalb begann ich, mit der Kreisform zu arbeiten. Diese Lithographie ist eine eher nüchterne Darstellung dieser Thematik, indem sie Bilder eines Männerkopfs zeigt, der von Mullbinden umhüllt ist...".)

Losgelöst von dieser subjektiven Deutung der Künstlerin sieht der Betrachter auf diesem Druck das von der Krankheit betroffene Organ, den Kopf, drastisch als „geschädigt", als verletzt dargestellt. Dass eine solche ‚Verletzung’ (in diesem Fall: ‚Epilepsie’) sehr unterschiedlich ausgeprägt (und verursacht) sein kann, wird durch 8 verschiedene medizinische Verbände sichtbar gemacht. Nicht nur diese Verbände, auch die Gesichtszüge der Kranken sind voneinander unterschieden. Jeder einzelne verbundene Kopf ist vom benachbarten anderen abgegrenzt, geschieden; allen gemeinsam aber ist das mit geometrischen Figuren ausgestattete Zentrum, die unterlegte Farbe (blau) und die in die Peripherie weisenden gepunkteten Ausstrahlungen, Wege. Epilepsie als eine den dargestellten Personen gemeinsame, definierte Krankheit, die für alle eine gemeinsame Wurzel und – medizinisch gesprochen – möglicherweise eine einheitliche Pathogenese (wenn auch keine einheitliche Ätiologie) hat, die aber in ihrer Verlaufsgestalt und Auswirkung für jeden einzelnen Betroffenen einen individuellen Lebensweg bewirkt.

Die künstlerische Darstellung der Epilepsie als Mandala kann also – wie dieses Beispiel zeigt – durchaus Ausgangspunkt einer meditativen Betrachtung sein.